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Die Backnanger Kreiszeitung schrieb am 31.01.2004

Ein Jahr in Südamerika

Fast ein Jahr lang reiste Armin Holp aus Oppenweiler durch Lateinamerika. Über 60 000 Kilometer legte der Sozialpädagoge mit Bussen und Schiffen in der zweiten Klasse zurück.

Durch Besuche bei Sozialprojekten, Unterkünften in Familien und Besichtigung von Arbeitsstätten wollte Holp die 18 Länder auch ganzheitlich kennen lernen.

". . . dann traut man sich, mit Alligatoren zu schwimmen"

Ein knappes Jahr lang durch Lateinamerika: Für Armin Holp ging ein Traum in Erfüllung Sozialprojekte und Arbeitsstätten standen im Vordergrund

Es war Dienstag, der 24. September 2002, als Armin Holp nach Lateinamerika aufbrach. Er wollte die Länder nicht nur touristisch bereisen, sondern Holp lag daran, durch Besuche bei Sozialprojekten, Unterkünften in Familien und Besichtigung von Arbeitsstätten, die Länder ganzheitlich kennen zu lernen.

In den ersten zwei Monaten besichtigte er Chile, Argentinien und Uruguay. Drei sehr westliche Länder, die optisch eher Spanien ähneln, als dem was man sich unter lateinamerikanischen Ländern vorstellt. Jedoch war vor allem in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires die Wirtschaftskrise zu spüren. Während es dort tagsüber modern und prunkvoll aussieht, sind nachts viele Menschen zu sehen, die sich aus den Mülleimern ihr Abendessen zusammensuchen.

Danach fuhr Holp nach Paraguay, wo er noch viel deutlicher die Armut spürte. An den meisten Kolonialgebäuden ist der Verfall zu sehen, viel Armut, Dreck und ein Geruch nach Urin. Für Sozialprojekte hat der Staat kaum Geld. Über private Beziehungen war es Holp möglich, verschiedene Sozialprojekte mennonitischer Einwanderer aus Deutschland anzusehen, ein Leprakrankenhaus, ein Straßenkinderheim und ein Schulprojekt, welche allesamt hochprofessionell organisiert waren. NegativHighlight stellte das staatlich geführte Psychatriekrankenhaus dar, in dem kranke Menschen noch in Zellen eingesperrt und fast ausschließlich über starke Medikamente behandelt werden. Außerdem konnte er eine Massen-Augenoperation der Christoffel-Blindenmission besuchen, bei der in vier Tagen rund 300 Blinde in einem mobilen Operationssaal operiert werden.

Danach ging es nach Brasilien zu den Iguazu-Wasserfällen und ins Pantanal, dem größten Sumpfgebiet der Erde. Anfängliche Ängste gegenüber den wilden Tieren, wandelten sich schnell in normalen Respekt. "Wenn man erst einmal einen Alligator gestreichelt hat, traut man sich auch, mit ihnen zu schwimmen", erinnert sich der Vagabund. Piranhas kein Problem aber wie bekommt man so einen Fisch vom Haken, ohne dass er zubeißt? Da ein Piranha eines anderen Reisenden im Todeskampf in Richtung Holps Zehen schnappte, erwürgte der seinen Fang zur Sicherheit noch am Haken. Giftschlangen und Raubkatzen konnte der Tourist während seiner gesamten Reise trotz vieler Nationalpark-Besuche nicht erblicken.

Die letzten Tage des Jahres verbrachte Holp in Rio de Janeiro, der Stadt der Gegensätze. Dies fiel ihm besonders auf, als er am Silvestermorgen Armenviertel der Stadt besichtigte und in der Nacht eines der weltgrößten Feuerwerke sah. Im nordbrasilianischen Salvador da Bahia nahm er dann für fünf Wochen eine ehrenamtliche Tätigkeit als Englischlehrer in einem Heim für krebskranke Kinder an. Die Arbeit war mit der deutschen Sozialarbeit nicht vergleichbar. Es gab keine Lehrbücher, eine Tafel musste erst einmal gesucht werden und finanzielle Mittel waren eigentlich auch nicht vorhanden.

"Welche Zukunftsperspektive haben krebskranke Kinder?"

Die krebskranken Kinder und Jugendlichen hinterließen einen bleibenden Eindruck bei ihm: "Kinder im Grundschulalter, denen gerade ein Bein amputiert wurde, 15-Jährige, allein stehende Schwangere mit schlechter Schulausbildung in einer Gegend, die sich über die Arbeitslosenzahlen in Deutschland freuen würden. Was haben diese jungen Menschen für eine Zukunftsperspektive?" fragte sich Holp.

Von Salvador ging es nach Belem, wo er mit dem Schiff das Amazonasgebiet durchkreuzte. 300 Hängematten neben- und übereinander, so etwas hatte er auch noch nicht erlebt: "Meine Hängematte berührte gleichzeitig sechs andere. Auf die Toilette zu gehen, ohne zehn Menschen zu wecken, war nicht möglich." Obwohl es keine Möglichkeit gab, sein Gepäck wegzuschließen, wurde ihm nichts geklaut. Stattdessen lernte er sehr viele sympathische Menschen kennen.

Im bolivianischen Teil des Regenwaldes wechselte der Urlauber in einen Omnibus. Wie lange die Fahrt dauert? "Zwischen 12 Stunden und 3 Tagen, je nach Wetter", so die Antwort des Busfahrers. Die Fahrt ging über Feldweg-ähnliche Straßen an Buschbränden vorbei. An Flüssen hieß es für die Passagiere: Absteigen. Der Bus wurde mittels eines Floßes und einer Seilwinde auf die andere Seite gebracht. Die Passagiere mussten die Flüsse durchwaten.

Bolivien wirkte auf ihn wie eine völlig andere Welt. Menschen mit Trachten, Schilder, auf denen stand: "Urinieren verboten", die meist missachtet wurden, und größte Armut, die er auf seiner Reise erblickte. Vor allem in der einst reichen Stadt Potosi, wo fast die komplette Stadt in der 4 500 Meter hoch gelegenen Silbermine arbeitet. Die Gänge sind darin so schmal, dass man nicht mehr aufrecht gehen kann. Die Decke ist voll mit Asbest. Weitere Gifte wie Arsen oder Blei liegen in der Luft. Sicherheitsvorkehrungen gibt es keine. Oft verdienen die Minenarbeiter nicht mehr als zwei Euro am Tag. Älter als 40 wird kaum jemand. Andere Beschäftigungsmöglichkeiten: Fehlanzeige.

Dann Holps erste Bergsteigerversuche, obwohl er gerade erst die Höhenkrankheit und eine Amöben-Infektion auskuriert hatte. Er wagte sich an den 6088 Meter hohen Huayna Potosi. Auf der Höhe von etwa 6000 Meter gab er jedoch aufgrund von Erschöpfung und Kälte auf.

In Peru und Ecuador konzentrierte er sich mehr auf touristische Ziele, wie den Titicacasee, Machu Picchu, die heilige Stadt der Inkas, die Nazca-Linien und Wildwasserfahren. Schließlich trotz Warnungen des Auswärtigen Amts die Einreise nach Kolumbien, wenn auch mit einem mulmigen Gefühl. Schon am ersten Tag änderte er seine Einstellung zu dem Land. Statt Guerillas und Drogen-Dealern fand er sein jetziges Lieblingsland: Die größte Artenvielfalt pro Quadratmeter auf diesem Planeten, Indianer-Ruinen, so schön wie die in Peru, die Salzkirche Zipaquira, Traumstrände, die freundlichsten Menschen und auch die schönsten Frauen. Das Weltkulturerbe Cartagena eine beeindruckende Kolonialstadt. Von dort fuhr er aus Kostengründen mit einem Transportschiff mit 20 Personen neben dem Maschinenraum zwischen Gefahrgut eingepfercht in die so genannte Darien Gap, der Landgrenze zu Panama. Diese wird oft als die gefährlichste Gegend Lateinamerikas bezeichnet, da sich dort Guerillas und Paramilitärs versteckt halten und viele Drogenschmuggler unterwegs sind.

Die Grenze konnten er und seine vier kurzzeitigen Begleiter nur in einem Motorboot passieren. Im ersten panamaischen Dorf gab es aber vorläufig keine Möglichkeit mehr, weiterzureisen. Das erwartete Schiff fuhr die Strecke nicht mehr, Straßen gab es keine und der nächste Flug erst in drei Tagen. Aufgrund der nun höheren Kosten standen Holp und seine Begleiter nun mit zu wenig Geld da. Da gabs drei Tage lang nur Mangos und Kokosnüsse.

In Guatemala besuchte Holp den Patensohn seines Vaters bei der Kindernothilfe. Der Bub lebt dort mit seiner Familie in einer fünf Quadratmeter großen Hütte, ohne Toilette. Einkommen erwirtschaftet die vaterlose Familie durch zwei Hühner und dadurch, dass die Mutter zweimal pro Woche in einer Küche in der sechs Stunden entfernten Hauptstadt hilft. Chance auf Änderung gibt es vorläufig keine.

Seine Reise beendete Holp in Mexiko. Einem modernen Land, in dem die Menschen weder ständig Chili con Carne essen, noch zuhauf Sombreros tragen. Die Zeit in Mexiko nutzte der Sozialpädagoge hauptsächlich zur Erholung.

Sehr viele sehr reiche und sehr viele sehr arme Menschen

Auf "das schönste Jahr meines Lebens" zurückblickend, sagt Holp, dass sich seine Weltanschauungen sehr verändert haben. So weiß er heute, dass die lateinamerikanischen Länder keineswegs so rückständig sind, wie es die Mehrheit der Menschen hier glaubt. Es ist nur so, dass die Geldverteilung dort wesentlich ungerechter ist, als in Deutschland, sagt der Sozialpädagoge. Seinen Beobachtungen zufolge gibt es sehr viele sehr reiche Menschen, fast keine Mittelschicht und eben auch sehr viele sehr arme Menschen. Als er jedoch wieder in Deutschland war, sah er, dass die Menschen hier doch mehr Probleme haben, als dort: Menschen, die daran verzweifeln, dass sie sich das neueste Modell ihres Traumautos erst in zwei Jahren kaufen können, Probleme im Golfclub und dazu noch ein Nachbar, der die Kehrwoche nicht ordentlich macht. Und bei all dem Stress niemand, der Zeit für einen hat.

Bei seinen Besuchen, die er mehreren Sozialprojekten abgestattet hatte, erkannte Holp, wie wichtig Spenden für diese Länder sind. Dass diese Spenden oft nicht so im Projekt ankommen, wie sie sollten, davon hatte er auch schon gehört. Diese Aussage kann der junge Mann aus Oppenweiler aber nicht bestätigen. Bei allen Projekten hatte er den Eindruck, dass die Spenden wirklich ihrer Bestimmung zukommen und dass die sozialtätigen Menschen dort eine engagierte Arbeit leisten.

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